Warum ich nie Videos von Anschlägen oder Schießereien auf Facebook, Twitter oder Youtube schaue

New York im Dezember 2010. Es ist kurz nach Mitternacht, ich bin in einer Bar und nicht mehr ganz nüchtern. Ich unterhalte mich mit einer Frau, belangloses Zeug. How are you? Oh, from Germany! How do you like New York?

Ich weiß nicht genau, warum passierte, was dann passierte. Die Frau holte ihr Handy aus der Tasche. Sie müsse mir ein Foto zeigen, das ihr jemand geschickt habe. Sie wirkte aufgeregt, ich war gespannt. Sie zögerte kurz und reichte mir dann ihr Mobiltelefon. Ich blickte auf den Bildschirm und was ich sah, hat sich in mein Hirn gebrannt. Es war das schlimmste und verstörendste, das ich jemals gesehen habe. Nur so viel: Mit Kindern hatte es nichts zu tun. Immerhin.

Seit fast sechs Jahren taucht das Bild immer wieder in meiner Vorstellung auf. Das ist der Grund, warum ich an Tagen wie des Anschlages von Nizza oder Schießereien in den USA Videos nur auf tagesschau.de, heute.de, sz.de etc. anschaue. Da kann ich sicher sein, dass ich es bei einem einzigen traumatischen Bild im meinem Kopf bleibt. Letzte Woche hätte ich es fast nicht rechtzeitig geschafft, als ich auf Twitter ein paar Sekunden das Video vom Tod des Alton Sterling gesehen habe. Gerade noch rechtzeitig konnte auf das X klicken.

Linktipp und Trigger für diesen Post: What Is a Constant Cycle of Violent News Doing to Us? (New York Times)

Was ich mich immer wieder frage: Warum zeigte mir die Frau das Bild? Wollte sie mich schockieren? Kam sie selbst nicht klar? Ich hatte sie nicht gefragt, ich bin damals einfach weggegangen.

Lesenswertes: China, EU, Open Data

Why do young rural women in China become mistresses?

Über die Motive, Herkunft und Folgen für die Frauen. Sich eine Freundin zu halten ist ein Zeichen von Macht:

Keeping a woman is common among powerful Chinese men. A study by the Crisis Management Centre at Renmin University in Beijing, published this January, showed that 95 per cent of corrupt officials had illicit affairs, usually paid for, and 60 per cent of them had kept a mistress.

Was hat diese Frau mit dem Brexit zu tun? – Zeit

Die Frau aus der Überschrift ist ein syrischer Flüchtling mit Kind im Arm. Bernd Ulrich versucht sich in der Zeit daran, sie mit der schlechten Situation der EU in Verbindung zu bringen.

„Und doch, es gibt sie noch, die Außenwelt, die Wirklichkeit, und in der geht etwas vor, das die sogenannte Krise der EU erklärt: Die Mauer zwischen Erster und Dritter Welt ist dabei zu fallen. Die Globalisierung ist an ihrem dialektischen Punkt angekommen, sie geht nicht mehr nur in eine Richtung, von Norden nach Süden, sie kommt jetzt auch zurück: in Gestalt von wirtschaftlicher Konkurrenz wie auch in der von Flüchtlingen und von Terrorismus.

Zugleich hat dieselbe Globalisierung die realen und erst recht die gefühlten Unterschiede zwischen Arm und Reich in den westlichen Ländern zuweilen bis ins Obszöne hinein vergrößert. Zwei Gerechtigkeitsfragen kommen jetzt zusammen, nein, sie prallen brutal aufeinander.
(…)

Liberale Internationalisten gegen autoritäre Nationalisten, so ließe sich die aktuelle globale Alternative umreißen.

Die Macht dieser neuen politischen Polarisierung ist so groß, dass sie in den meisten westlichen Staaten gerade in hohem Tempo das bisherige Parteiensystem zerschmettert. Die konservativen Parteien spalten sich, die sozialdemokratischen zerbröseln, die Ränder bedrängen die Mitte.

Eine globale Revolution findet also statt, die Überwindung der letzten großen Grenze, der letzten Mega-Ungerechtigkeit – oder aber eine globale Konterrevolution, der Versuch also, dies mit immensen aggressiven Energien zu verhindern.“

 

The Power of Open Data

Open Data und Transparanz müssen nichts miteinander zu tun haben, argumentiert Nicolas Kayser-Bril. Es war ein Fehler der Open-Data-Bewegung, diese beiden Dinge so eng miteinander in Verbindung zu bringen.

Denn: Wenn staatliche Institutionen selbst aussuchen, welche Datensätze sie ins Internet stellen, muss das nicht unbedingt die Transparenz erhöhen. Auch wenn mit den Standorten von öffentlichen Toiletten in maschinenlesbarer Form Projekte umgesetzt werden können – der große Wurf, Entscheidungen des Staates zu überprüfen, ist das sicherlich nicht.

„Infrastructure data is needed, and it should be free. However, it does not imply in the least that the government providing it commits to transparency. The two issues – infrastructure data and transparency – must be addressed independently. If not, open data offers governments a handy excuse to cramp down on existing transparency laws.“

 

 

 

 

Das Massaker in Orlando und die LGBT-Community. Eine Leseliste.

Am 12. Juni lief ein Terrorist, psychisch Gestörter, Mörder in einen Club in Orlando und tötete 49 Menschen und verletzte nochmal so viele. Sein Ziel war – im Gegensatz zu den Anschlägen in Paris – nicht die Gesellschaft als Ganzes. In Orlando sollten, wie es im Amerikanischen heißt, „LGBT people and allies“ sterben. Nicht-Heterosexuelle Menschen und deren Freunde, die Samstagnacht in einem Club tanzen, trinken und sich die Zeit vertreiben.

Plötzlich ist sie überall, die Regenbogen-Flagge. Und Texte dazu. Das ist gut und unglaublich traurig zugleich. Ein Überblick über das, was ich in den letzten Tagen gelesen habe:

Carolin Emckes aktuelle Kolumne in der SZ schließt mit den Worten: „Nicht rechtlich fast gleich, sondern gleich wollen wir sein.“

Es ist ein so vertrautes wie geschmackloses Spektakel, wie Homosexuelle vor allem dann wahrgenommen und als Menschen mit Rechten verteidigt werden, wenn sie sich als Spielfiguren in der feindseligen Kampagne gegen Muslime einsetzen lassen. Da werden dann auf einmal Schwule und Lesben zu Galionsfiguren für die offene und tolerante Gesellschaft erklärt – die es ansonsten aber immer noch ablehnt, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen, weil irgendein „Bauchgefühl“ dem entgegensteht.

Kissing my girlfriend at the Zodiac: gay bars are everything straight people take for granted . Warum LGBT-Clubs für das Selbstverständnis wichtig sind:

Gay clubs are hospitals that patch up the invisible wounds you accumulate. Gay clubs are therapist offices. They’re community centers. They’re sanctuaries. Gay clubs are everything that straight people take for granted, squeezed into four, usually quite sticky, walls.

Warum Orlando kein Angriff auf die offene Gesellschaft war, weil er nur eine Gruppe von Menschen treffen sollte, schrieb Thorsten Denkler auf.

Queer, Muslim, & Unwelcome at the “New Stonewall”. Was ist noch blöder als zu einer Minderheit zu gehören? Zu zwei zu gehören. Eman Abdelhadi war bei einer Kundgebung am Stonewall Inn in New York, dem Lokal, das in den 60er Jahren zum Symbol für den Kampf für Gleichberechtigung wurde.

Upon arriving, I found myself in a sea of well-dressed upper middle class gays—mostly cis men, the kind that litter Human Rights Campaign ads and scream things like “Love Wins.” I suddenly felt so visible in my Muslimness, so naked in my identifiable Arabness.

Stop Exploiting LGBT Issues to Demonize Islam and Justify Anti-Muslim Policies. Glenn Greenwald darüber, dass es keinen Islam braucht, um homophob zu sein. Christentum, Judentum oder gar keine Religion reichen auch.

Depicting anti-LGBT hatred as the exclusive (or even predominant) province of Islam is not only defamatory toward Muslims but does a massive disservice to the millions of LGBTs who have been — and continue to be — seriously oppressed, targeted, and attacked by people who have nothing to do with Islam. The struggle of LGBTs around the world is difficult enough without having them cynically used as some sort of prop to bash a group that itself is already being bashed from multiple directions.

„Ein Mann wird aggressiv gegen das, was er selbst zu werden fürchtet“. Wie Angst vor Schwulen und Lesben entsteht.

Der Fehler ist: Homosexualität wird eher mit Sexualität verbunden, Heterosexualität eher mit Familie und Liebe. Darin liegt eines der großen Missverständnisse: Aufklärung über andere Lebensformen bedeutet nicht unbedingt, über Sex zu sprechen. Es geht hier vor allem darum, unterschiedliches Zusammenleben zu zeigen, also unterschiedliche Arten von Partnerschaft und Familien. Nicht um eine immer frühere Aufklärung von Kindern über sexuelle Praktiken.

„They Are Our Dead“: LGBTQ Latinos Speak Out After Orlando. Die allermeisten Opfer sind Latinos, davon die meisten Puerto Ricaner. Und wer ist, zumindest in meiner Welt, der berühmteste puerto-ricanische Schwule? Genau: Ricky Martin, der sich geäußert hat: „The tragedy that occurred in Orlando hurts me in so many ways. It hurts me as a man, as a human being, and as a gay person. I am in pain, I am sad, I am angry.“

L.G.B.T. People Are More Likely to Be Targets of Hate Crimes Than Any Other Minority Group. So die Situation in den USA. Warum die Angriffe in Deutschlands Statistiken wohl unterschätzt werden, steht hier.

Orlando Taught Me That I Need Queer Culture and Community. Surprise, surprise: Nicht alle LGBT-Leute schlagen sich die Nächte in irgendwelchen Gay-Clubs um die Ohren. Mitgemeint waren sie bei den Morden trotzdem. Dazu passt dieser ältere Text: I Was Born Homosexual. I Chose to Be Gay.

Die Flitterwochen sind längst vorbei. Die Ehe allein bringt keine Gleichberechtigung. Das zeigt sich jetzt in den USA, wo es noch genug andere Gesetze, vor allem im Arbeitsrecht. I look at you, North Carolina.

LGBT-Geschichte in den USA in Tweets:

In EM-Zeiten schadet dieses Video nichts:

This is the BBC … über Deutschland

Mein derzeitiger Lieblingspodcast: Germany – Memories of a Nation. Die BBC erklärt in 15-minütigen Sendungen deutsche Geschichte und Kultur. Mit Nazis, klar, Mittelalter und der Zeit dazwischen.

Ein Aspekt, der immer wieder wiederkehrt und Deutschland von anderen Ländern unterscheidet: Viele für die deutsche Kultur wichtige Orte gehören heute nicht mehr zu Deutschland. Prag, Königsberg, Straßburg, you name it. Offenbar ist das für die Insel hinter dem Ärmelkanal besonders faszinierend. Und für mich der Blick von außen.

Eine kleine Leseliste zur Kulturrevolution in China



Die Kulturrevolution in China wird 50: 1966 ging es los mit Chao und Gewalt. 1981 bezeichnete die chinesische Regierung die zehn Jahre als Disaster. Inzwischen folgte Maos Herrschaft offiziellen Verlautbarungen zufolge fast dem Pareto-Prinzip: 70 Prozent waren gut, 30 Prozent nicht ganz so sehr.

Ein paar Links:

Das Erbe von Maos Kulturrevolution zerfrisst China immer noch – SZ

Kai Strittmatter beschreibt die Gewalt der Kulturrevolution als das zentrale Element, um das heutige China zu verstehen. Denn wie die menschengeschaffene Hungersnot in den 50ern und die Aufstände vom Tian’anmen-Platz Ende der 80er lautet die Vorgabe der KP: Vergessen – und wenn das nicht geht zumindest verschweigen.

„Die Jugend horchte, jubelte, verfiel in Raserei. Die Kulturrevolution wurde auch von den Studenten in Europa bejubelt, auf den Straßen von Paris und Berlin. Keiner wollte sehen, was wirklich geschah: Mao gab China dem Irrsinn preis. Schülerinnen schlugen ihre Direktorinnen tot, Studenten ersäuften ihre Professoren, Ehemänner schickten ihre Frauen ins Arbeitslager und Söhne ihre Mütter aufs Schafott.“

(Um die lange Version des Textes zu lesen, braucht es ein SZ-Abo, zumindest die Probierversion.)

„Attraktive Grausamkeiten“ – Interview mit dem Historiker Gerd Koenen in der Taz

Koenen befasst sich mit der Geschichte des Kommunismus. Er sagt:

„Kulturrevolution wohl das ungewöhnlichste Ereignis in der Geschichte des Kommunismus im 20. Jahrhundert war. Denn es war fast das einzige Mal, dass Kommunisten an der Macht in einer sogar bewusst chaotisierenden Weise von der Spitze her an die Massen appellierten. Und zwar besonders an die Masse der Jugendlichen, gegen die älteren Kader der Partei zu rebellieren. Das hatte es vorher noch nicht gegeben. Ebenso wissen wir heute, dass die Kulturrevolution für Mao einer eigene Ratio der Macht folgte. Das Chaos schien eigene Strukturen zu haben.“

Mao sah sich als „großer Steuermann“, der große Meister hinter dem Chaos, aus dem eine neue Ordnung entstehen sollte.

Maos Werkzeugkasten – Zeit

Ein paar Jahrzehnte nach den anarchischen Zuständen ist langsam genug Wasser den Yangtse hinuntergeflossen, um sich langsam wieder der Methoden der Kulturrevolution zu bedienen: „Führungskult, Repression, Zentralismus: Chinas Parteiführung bedient sich gerade eines Instrumentenkastens aus den sechziger Jahren“, schreibt Steffen Richter in der Zeit.

China’s ‚lost generation‘ recall hardships of Cultural Revolution – CNN

Ein Schicksal von vielen: Hu Rongfen musste aus Shanghai nach Anhui.

„I still can’t bear to recall my youth spent on the farm,“ she says.

“If there had been no Cultural Revolution, then I would not be who I am today. People who haven’t been through it can’t appreciate how easy everything else is. It wasn’t the manual labor. That’s a different kind of hardship. This was the worst kind of bitterness. You are constantly told: ‘You are against the revolution, so therefore you have no right to speak.' … That burden, that burden on your spirit, is very heavy.” 50 years ago this week, when Mao Zedong reasserted his control of the Communist Party, he set in motion a decade of chaos and torment in China. @nytimes asked readers to share stories about how they were affected by the Cultural Revolution. Chen Qigang, a 64-year-old composer in France who @adamjdean photographed in Beijing last month, was in middle school in Beijing when the movement began. Visit the link in our profile to hear more voices from China’s #CulturalRevolution.

Ein von The New York Times (@nytimes) gepostetes Foto am

Wikipedia zur Kulturrevolution

Ob ein Thema relevant ist, machen Journalisten bei Facebook von traditionellen Medien abhängig – noch.

Eine Mischung aus Algorithmen und Menschen bestimmt die Trending Topics bei Facebook. Ob etwas eine große Geschichte ist, bestimmten weiterhin traditionelle Medien. Denn nur wenn ein Thema in fünf der folgenden Quellen aufgegriffen wird, ist es ein US-weit von Bedeutung:

  • BBC News
  • CNN
  • Fox News
  • Guardian
  • NBC News
  • New York Times
  • USA Today
  • The Wall Street Journal
  • Washington Post
  • Yahoo News/Yahoo

Aber könnte Facebook die Rubrik nicht einfach killen? Ärger vermeiden, wenn Facebook im bisherigen Modus vorgeworfen wird, konservative Medien zu benachteiligen?

Für die Trendthemen liegt die Lösung auf der Hand: Facebook kann schlicht auf den menschlichen Faktor – also die Journalisten – verzichten oder die Rubrik einfach abschalten. Das würde zwei Trends entsprechen: der abnehmenden Relevanz journalistischer Urteils- und Arbeitskraft im Zuge der Digitalisierung und dem wachsenden Desinteresse an einem kanonisierten Überblick über das Weltgeschehen (und sei er, wie bei den Facebook-Trends, voller Nachrichten über den Kardashian-Clan)

Keine Struktur ist auch keine Lösung

Gruppen ohne Strukturen gibt es nicht, schreibt Jo Freeman in The Tyranny of Structurelessness

Und macht auch keinen Sinn, meint Freeman Anfang der 70er Jahre als sie die Frauenbewegung beschreibt und alle Gruppen meint. Empfohlen hat den Text Kathrin Passig auf der Republica. Zurück zum Thema:

„(…) to strive for a structureless group is as useful, and as deceptive, as to aim at an „objective“ news story, „value-free“ social science, or a „free“ economy.“

  • Gruppen ohne Strukturen gibt es nicht
  • Zwar geht es ohne formellen Regeln, aber keinesfalls ohne informelle Regeln
  • Doch diese informellen Regeln machen es für Außenstehende oder Neulinge schwierig, Entscheidungen zu verstehen und zu beeinflussen
  • Informelle Regeln befördern Eliten innerhalb von Gruppen, v.a. dann, wenn sie auch Freundschaften begründen: „It is this informal structure, particularly in Unstructured groups, which forms the basis for elites.“